Bayerisches Staatswappen

Die Geschichte der Fachhochschule

Ausbildung am Ende der Weimarer Republik

Bereits in der Weimarer Republik gab es eine Steuerbeamtenausbildung. Die sog. Zivilanwärter, meist ehemalige Soldaten, trugen die Dienstbezeichnung „Supernumerar“. Die dreijährige Ausbildung gliederte sich in Unterricht beim Finanzamt und einen Kurs bei der vorgesetzten Behörde, dem Landesfinanzamt (heute Landesamt für Steuern). Insgesamt nahmen die Schulungen 7 – 8 Monate in Anspruch. Am Ende der Ausbildungszeit stand eine schriftliche Prüfung, die von einer Prüfungskommission des jeweiligen Landesfinanzamts durchgeführt wurde. Da verschiedene Ausbildungsstellen mitwirkten, war die Gleichmäßigkeit der Ausbildung ein Problem. Nach der Machtergreifung im Jahr 1933 stellten die Nationalsozialisten Überlegungen an, wie sich die Reichsfinanzverwaltung ihren Zielen unterordnen ließ. Einer der ersten Schritte war, die Prüfungen einheitlich und zentral abzuhalten. Die Supernumerare des ganzen Deutschen Reiches hatten sich zunächst in Ilmenau/Thüringen einer reichseinheitlichen, zentralen Anstellungsprüfung zu unterziehen.

Gründung der Reichssteuerschule

1928 hatte der damalige Staatssekretär im Reichsfinanzministerium Fritz Reinhardt in Herrsching eine NS–Rednerschule gegründet. 1935  gab er die Pläne für die Errichtung einer Reichssteuerschule in Herrsching bekannt. Am 29. Juli 1935 verfügte das Reichsfinanz-ministerium, dass ab dem 01. August 1935 die Reichssteuerschule in Herrsching als selbständige Dienststelle ihre Arbeit aufnimmt und dem Landesfinanzamt München unterstellt wird. Die Schule wurde am 01. August 1935 in renovierten Saal des Gasthofs „Andechser Hof“ in Gegenwart zahlreicher Ehrengäste eröffnet. Die Eröffnungsrede hielt Staatssekretär Reinhardt, er stellte dabei den Schulleiter Dr. Bussigl, die ersten drei Lehrkräfte und den Verwaltungsleiter (damals Verwaltungsführer) vor. Am nächsten Tag begann für 165 ehemalige Zollbeamte, die aus Altersgründen für den Dienst im Finanzamt umgeschult werden sollten, der Schulalltag.

Errichtung der Reichsfinanzschule

In dieser Zeit wurde auch die Örtlichkeit für die zu errichtende Reichsfinanzschule bestimmt. Die Wahl fiel auf ein unter dem Weiler Rausch gelegenes Grundstück. Die Kosten des Grunderwerbs in Höhe von 25.000 Reichsmark hatte die Gemeinde Herrsching zu tragen.

Den ersten Spatenstich wurde vom damaligen Reichsfinanzminister Graf Schwerin von Krosigk vollzogen. Die Pläne waren unter der Leitung des Ministerialrats Dr.-Ing. Fiedler entstanden. Der Neubau schritt zügig voran. Die ursprüngliche Konzeption wurde mehrmals verändert. Am Grundkonzept, einer dreiflügeligen Anlage mit einem nach Süden ausgerichteten, dreigeschossigen Mittelbau wurde jedoch stets festgehalten. Die Schule war für eine Beherbergungskapazität von 400 Mann konzipiert. Die Unterrichtskapazität war auf 500 Mann ausgelegt. Teil der Planung war auch die Errichtung einer großen Turnhalle.

Der Bau der Schule war Teil des Arbeitsbeschaffungsprogramms 1933. Zeitweise waren bis zu 300 Arbeiter beschäftigt, was eine Fertigstellung des Rohbaus innerhalb eines Jahres ermöglichte. Am 17. Oktober 1936 wurde Richtfest gefeiert. Am 15. September 1937 wurde der Bau seiner Bestimmung übergeben. Die Anlage war im Äußeren und Inneren kasernenartig angelegt. Es gab Platz für sportliche Betätigung, aber auch für Geländeübungen und Exerzieren. Die Lehrsäle fassten zwischen 100 und 150 Schüler, sie hatten in Holzbänken aufgereiht zu sitzen.  Die Ausstattung der Unterkünfte war einfach und zweckmäßig. 

Der stark reglementierte Schulalltag war geprägt vom damaligen Zeitgeist. Alle Lehrer und Schüler gehörten der neu gegründeten SA-Formation „SA-Sturm RFS“ an. Die Ausbildung war durchsetzt mit Unterrichtsinhalten über die NS-Ideologie, am Abend gab es neben geselligen Veranstaltungen auch Kameradschaftsabende mit Vorträgen über den Nationalsozialismus.

Erweiterungen werden notwendig

Kaum war die Schule fertig gestellt, plante man schon ihre Erweiterung. Letztere war aus zwei Gründen notwendig. Zum einen benötigte man infolge der günstigen wirtschaftlichen und steuerlichen Entwicklung mehr und besser ausgebildete Nachwuchsbeamte in den Finanzämtern. Zum anderen galt es, die von Anfang an mangelhafte Wasserversorgung der Schule zu verbessern. Daher wurde am Ostflügel der Anlage ein 30 Meter hoher Wohnturm aus Bruchsteinmauerwerk aufgesetzt, der in seinen oberen Stockwerken einen großen Wasserbehälter barg. Dadurch erhielt die Schule ihre weithin sichtbare Monumentalität. Der architektonisch nicht gelungene Glockenturm des Mittelbaus wurde dem geänderten Gesamteindruck geopfert und abgerissen.

Da in der Schule auch große Steuerfachtagungen stattfinden sollten, wurde eine zusätzliche Halle gebaut (in den ursprünglichen Bauplänen bereits als „Feierhalle“ vorgesehen), konzipiert für 1.000 Personen. Die Erbauer statteten sie mit einer bemerkenswerten Deckenkonstruktion aus. Die etwa 10 Meter hohe Halle schließt mit einer freitragenden Balkendecke ab. Die tragenden Querbalken mit einer Länge von 23 Metern sind in einem Stück aus mächtigen Fichten aus Bayerisch Eisenstein gehauen. Die Kongresshalle, wie sie später genannt wurde, erhielt auch eine Bühne und eine Vorhalle. Nach Süden erhielt sie eine 15-stufige Freitreppe, über der ein Adler angebracht wurde, der in seinen Krallen ein Hakenkreuz hielt. Die Gesamtkosten der Errichtung der Reichsfinanzschule beliefen sich auf 6,6 Millionen Reichsmark.

Entwicklung während des Zweiten Weltkriegs

Während des zweiten Weltkriegs litt die Steuerbeamtenausbildung unter Personalmangel. Bis Mitte 1940 waren 14 Lehrer und 5 Verwaltungsangehörige eingezogen worden. Deshalb verkürzte man die Ausbildungsdauer. Die Schulordnung wurde der einer Offiziersschule angepasst und damit die Ausbildung noch stärker militarisiert. Der letzte Jahrgang (der 53.) bestand aus kriegsversehrten Angestellten. Er endete am 07. Juli 1943.

Die Schule wird Lazarett, später Lungenheilstätte

Ende 1943 wurde in der Reichsfinanzschule das Reservelazarett Herrsching untergebracht. Aus den Lehrsälen und Unterkünften entstanden Operationsräume und Krankenstuben. Die Belegungszahl war sehr hoch, weshalb die Lazarettangestellten außerhalb wohnen mussten.

1947 entschied die Bayerische Staatskanzlei, die ehemalige Reichsfinanzschule als Heilstätte für Tuberkulosepatienten zur Verfügung zu stellen. Rechtliche Grundlage war ein Pachtvertrag mit der Landesversicherungsanstalt für Tuberkulosebekämpfung. Umbaumaßnahmen ermöglichten eine Erhöhung der Bettenkapazität von anfangs 300 auf 500. Infolge des Rückgangs der Erkrankungen, wie auch, weil im nahe gelegenen Lungensanatorium Gauting Kapazitäten frei geworden waren, konnte man Mitte der fünfziger Jahre an eine Rückkehr zur alten Nutzung zu denken. Die Übergabe an den neuen Eigentümer, die Bundesfinanzverwaltung, erfolgte am 31. März 1955.

Streit um die Rechtsnachfolge

Anders als zum Zeitpunkt der Gründung der Reichsfinanzschule, bestand nunmehr eine geteilte Zuständigkeit. Durch das Grundgesetz war die Steuerverwaltung Ländersache geworden, während die Aufgaben der Zollverwaltung zur Zuständigkeit des Bundes gehörten. Dennoch versuchte der Bund die alleinige Verwaltungszuständigkeit zu erlangen. Erst 1967 einigten sich der Bund und der Freistaat Bayern, dass die „Finanzschule“ doch Landesvermögen geworden ist. Die Verwaltung der Liegenschaft wurde im Januar 1970 rückwirkend ab 01. Januar 1969 auf den Freistaat Bayern übertragen.

Der Neuanfang

„Mauern tragen keine Schuld“

 (Christoph Vitali, ehemaliger Direktor des Hauses der Kunst)

Am 10. September 1955 wurde die Zoll- und Finanzschule Herrsching mit einem Festakt ihrer Bestimmung übergeben. Damit wurde die Steuerbeamtenausbildung nach 12 Jahren Unterbrechung fortgesetzt. Ausgebildet wurde für den mittleren und den gehobenen Dienst in der Finanzverwaltung. Erster Leiter der Schule wurde Dr. Franz Schroll. Der Umstand, dass zwei verschiedene Dienstherren unter einem Dach vereint waren, bereitete keine Schwierigkeiten. Die bayerische Steuerausbildung war im Ostflügel untergebracht, die „Zöllner“ im westlichen Teil der Schule. Erstmals gab es auch Anwärterinnen. Es wurde  täglich sechs Stunden unterrichtet, auch Samstags.

Die weiteren Baumaßnahmen

Die Zeiten des Wirtschaftswunders führten zur Aufstockung des Personals in der Finanzverwaltung und damit zur Erhöhung der Anwärterzahlen. Die Kapazität der Schule reichte nicht mehr aus; es wurden, abgesehen von den allerersten Anfängen, erstmals Quartiere im Ort Herrsching angemietet. Im Herbst 1965 wurde mit einem Erweiterungsbau begonnen, der am 08. Juni 1967 seiner Bestimmung übergeben wurde. Der Bau an der Nordostseite der Anlage (heutiger E-Bau) bestand aus einem Lehrsaalgebäude mit vier Unterrichtsräumen und einem Wohnheim mit 206 Betten.

In der Folgezeit wurde deutlich, dass ein großer Prüfungsraum fehlte. Die Kongresshalle wurde dafür verwendet, befand sich aber in einem unzureichenden Ausbauzustand. Der Umbau in eine Mehrzweckhalle wurde 1974 abgeschlossen.

1974 wurde mit der Errichtung eines weiteren Baus begonnen (heutiger A-Bau). Geschaffen wurden sechs Unterrichtsräume, ein großer Hörsaal und 108 Einzelzimmer. Die Fertigstellung erfolgte 1977.

In der Folgezeit erfolgten die Sanierung der Heizungsanlage, der Wasserversorgung, der Sanitärbereiche und der Elektroinstallation. Es wurden zuerst die Dozentenzimmer, dann die Lehrsäle mit EDV-Technik ausgestattet.  Jeder hat Internetanschluss. Heute haben die Studenten ein Internetcafe, ein Internetstudio und an mehreren Plätzen im Haus die Möglichkeit des kabellosen Zugangs zum Internet.

Im März 2011 erfolgte der erste Spatenstich für ein neues Wohngebäude mit einer Kapazität von 120 Einzelzimmern welches im Anschluss an den bisherigen A-Bau errichtet wird. Im Laufe des Jahres 2011 wird zudem das bisherige Lehrsaalgebäude im E-Bau um 3 Lehrsäle erweitert.

Auslagerungen

Durch die ständige Veränderung der Einstellungszahlen (so wurden im Jahr 1973 über 900 Studierende eingestellt, während es im Jahr 2005 nur circa 100 waren) traten immer wieder Kapazitätsprobleme auf. Auslagerungen wurden notwendig. Im Wesentlichen unproblematisch war dies, wenn andere Bildungseinrichtungen nicht voll ausgelastet waren – so z.B. die Landesfinanzschule oder der Fachbereich in Rechtspflege und Justizvollzug in Starnberg, der mehrfach Studiengruppen und Fortbildungsteilnehmer aufnahm.

Mehrfach musste aber auch ein Standort von Grund auf aufgebaut werden. So geschehen 1973 in Bad Füssing, Anfang der 80er Jahre in Vehlburg, in den 90er Jahren in Bad Windsheim, 2003 für drei Jahre in Bad Tölz und ab 2009 in Kaufbeuren. 

Gründung der Beamtenfachhochschule

Im August 1972 verließ die Zollverwaltung Herrsching. Die Ausbildung der Zollbeamten erfolgte fortan in der Bundeszollschule in Sigmaringen.

Zur gleichen Zeit setzte sich die Auffassung durch, dass eine moderne Verwaltung auf Beamte angewiesen ist, die wissenschaftlich ausgebildet sein müssen, aber auch praktische Kenntnisse haben. Mit dem Bayerischen Beamtenfachhochschulgesetz vom 1.Oktober 1974 wurde dem Rechnung getragen.  In Herrsching werden seit dieser Zeit auf Fachhochschulebene zwei Studienrichtungen (Steuer und Staatsfinanz) angeboten. Die am 6. Oktober 1980 erlassene Diplomierungsverordnung  ermöglichte die Verleihung eines akademischen Grads (Diplomfinanzwirt und Diplomverwaltungswirt). Neben dem Fachbereich Finanzwesen in Herrsching besteht die Bayerische Beamtenfachhochschule aus den Fachbereichen Rechtspflege und Justizvollzug in Starnberg, Sozialverwaltung in Wasserburg, Innere Verwaltung in Hof, Polizei in Fürstenfeldbruck und Sulzbach-Rosenberg und Archiv- und Bibliothekswesen in München.

Die Ausbildung der Beamten des mittleren Dienstes verblieb bis zur Errichtung der Landesfinanzschule in Ansbach 1983 in Herrsching.

Die Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern

Mit Gesetz vom 1. September 2003 bekommt die Fachhochschule einen neuen Namen. Auch eine neue Studienordnung wird erlassen. Wichtigste Änderungen sind die Verweildauer der Studenten an der Fachhochschule (21 statt bisher 18 Monate), die Gliederung des Studiengangs in Grund- und Hauptstudium, die Einführung von sozialwissenschaftlichen  Studienfächern (Handlungskompetenzen) und das Erfordernis einer nach wissenschaftlichen Methoden gefertigten schriftlichen Arbeit.

Die Leiter des Fachbereichs Finanzwesens

Auf Herrn Dr. Franz Schroll folgte 1966 Herr Dr. Karl Dollinger, in dessen Amtszeit die Erweiterungsbauten fielen. Herr Dr. Dollinger wurde auch zum ersten Präsidenten der neu gegründeten Beamtenfachhochschule gewählt. 1978 wurde Herr Dr. Carl Drexler in sein Amt eingeführt. Herr Dr. Drexler wurde ebenfalls Präsident der Fachhochschule (ab 1982). Ab 1989 übte Herr Herbert Zangl das Amt des Fachbereichsleiters aus. Im Jahr 1997 wurde er zum Präsidenten gewählt. 2003  ging das Amt des Fachbereichsleiters auf Herrn Dr. Braun über.